Wulf Herzogenrath über Stefan Wewerka

Eröffnungsrede

(Gehalten am 15. Juni 2001 im Berliner Georg-Kolbe-Museum)


Eine Eröffnungsrede für Stefan Wewerka? Geht das? Nein? Also laß es sein, würde auch der Kunsthistoriker sagen, der ihn nun 30 Jahre kennt, WEIL er ihn so lange kennt. Denn auch der Werbeprospekt zum Katalogbuch dieser, heute zu eröffnenden Ausstellung, beginnt mit einem solchen Zitat. Bekanntermaßen erscheint der ja im Alexander Verlag Berlin, dessen Nachname ebenfalls Wewerka lautet und er damit indirekt der fünfte im Bunde dieser Viererbande der ausstellenden Wewerkas ist. Alexander W. hat seit vielen Jahren wunderbare Bücher insbesondere zum Thema Theaterleben und Bühne, damals auch noch zu Lebzeiten mit Heiner Müller dessen Gedichte und heute mit Joachim Sartorius eine Lyrik-Anthologie herausgebracht, dieser Prospekttext des Sohnes Wewerka, wohl doch ein intimer Kenner, fängt an mit folgenden Worten des großen, verstorbenen Kölner Galeristen Hein Stünke: "Wer Stefan Wewerkas Werk einer neueren Kunstbewegung zuordnen möchte, wird es schwer haben. ... Unbeachtet und falsch beurteilt sind seine Werke über weite Strecken seines Weges geblieben."

Und so kann ich beginnen: alles ist richtig und alles ist falsch: Ein Einzelgänger wie kaum ein anderer, nicht zuzuordnen und doch nah an der Zeit, an dem Zeitgeist dran, dem er immer davon jagte. Bewegung, Lebendigkeit, Widerspruch, Offenheit, Veränderbarkeit das sind Begriffe, die taugen für Wewerka, aber sind das die Begriffe für einen Architekten, für einen, der Stühle und Möbel entwirft, die sogar wirklich vielfach hergestellt, verkauft und im wahrsten Sinne des Wortes besessen werden? Wewerka verschiebt die Begriffe, die Einteilungen in Sparten, in Medien. Wenn jemand ihn in eine Schublade hinein zu stecken versucht, dann ist er längst schon wieder in einer anderen. Sein Grinsen überrascht uns dann immer wieder. Wewerka ver-rückt den Kölner Dom, er drückt und schiebt so lange, bis er um einen Meter wirklich ver-rückt ist, ein Film von 1987 mit Lothar Spree, in Frankfurt realisiert. Wer hätte das von einem mit einem wunderbaren kraftvoll, zugleich leichten Strich begnadeten Zeichner wie Stefan Wewerka gedacht, daß er den Kölner Dom verschieben will, und überhaupt einen Film macht, der dies belegt. Ver-Rücken der Gegenstände, sie aus ihrem Lot zu bringen, die Stühle in eine statisch eigentümliche Schräglage zu bringen, das hat mit seiner Lust an der Veränderung der Welt zu tun, mit der Nicht-Akzeptanz der Welt in dem Zustand, wie sie nun einmal erscheint! Da verrückt Wewerka lieber die monumentalen hehren Türme der Kirchen- und Kunstgeschichte, die den Natur-Gewalten trotzenden Zeichen der Seefahrt, die unerschütterbaren Monumente der nationalen Erinnerung: und so nun neigt sich der Kölner Dom in Collagenteilen, es nähern sich die Leuchttürme der Wasseroberfläche und es neigt sich der Arc de Triomphe in Paris! Wenn man ihn an irgendeiner Stelle orten und deuten will, dann glaube ich, muß man das Jahr 1960/61 wählen und das im Fluxus bewegte Köln. Die Welt erlebte erst am 9. Juni 1962 beim "kleinen Sommerfest" des Architekten-Ehepaars Jährling in Wuppertal das wirklich erste Fluxus-Ereignis. Aber schon vorher war Stefan Wewerka einer der Dreh- und Angelpunkte dieser gärenden Szene, der im wirklichen Sinne Grenzüberschreiter: von Paris kamen einige, Wewerka selbst fuhr dauernd hin, aus Bulgarien kam Christo, aus Korea Nam June Paik. Musik wurde von Cage gespielt, im WDR und besonders im Atelier der Malerin Mary Bauermeister, die dann Stockhausen heiratete. Harro Lauhus machte die wildesten Ausstellungen: Hier vermittelte Wewerka über Lauhus, daß Christo im Rheinauhafen seine erste riesige Verhüllungs-Aktion realisierte. Was interessierte Wewerka daran: weil es auch wieder so ein Zwischending war zwischen Architektur, Skulptur, Aktion, es war ein Spaß und doch ein Affront gegen die Kunst-Vorstellungen der Zeit, wir befinden uns ja im Jahr 1961! Wer von uns heute wäre nicht gern dabei gewesen als Vostell, Paik und Wewerka "Simultan" im Juni ´61 in der Galerie Lauhus auftraten, sicher gemeinsam rezitierend, lesend, wenn auch wohl Unterschiedliches zeitgleich! Noch heute kündet die berühmte Scharnierschallplatte von Stefan Wewerka in dem aus Anlaß des Todes von Marilyn Monroe von Paik realisierten Werkes "Erinnerung an das 20 Jahrhundert" (Sammlung Hahn in Wien) an solche Künstlerkooperationen, die später mit Dieter Rot zu wunderbaren Graphik- und Zeichnungsfolgen, zu Büchern und Editionen führten. Grenzüberschreitend: Künstler aus vielen Ländern und Völkern einbeziehend, erst Recht die Grenzen der Bereiche, der Medien mißachtend: Kunst, Musik, Design und immer wieder Zeichnungen, frei für Architektur seine Erdarchitekturen Ende der 50er Jahre sind großartige Konzepte, vieles Heutige voraus greifend. Dieser neue radikale Fluxus-Geist fand in Stefan Wewerka einen fruchtbaren Boden, der konstruktiv und ganz anders als bei Vostell, Beuys oder Paik auf seine künstlerische Grundhaltung Einfluß nahm, und dies denke ich, müssen wir auf Grund seiner künstlerischen Erfahrungen und Praxis im Elternhaus sehen. Er ist dort früh mit dem Ganzheitsanspruch des Künstlerischen auf die Lebenswelt in den 20er Jahren, Stichwort Bauhaus, konfrontiert worden. Und so verbinden sich die konstruktiven Stränge des Bauhaus-Gedankens mit dem chaotisch lebendigen, dem schrägen und eher verneinenden des Fluxus. So gestaltet er den realen Ausstellungsraum der damals wichtigen Kölner DuMont-Galerie und stellt wenig später in der Fluxus-Avantgarde-Galerie René Block in Berlin aus, Gegensätze, die nicht schriller sein können, wie seine halbierte/geschnittene Armbanduhr 1961 (Sammlung Sohm, heute in der Staatsgalerie Stuttgart) und zugleich den wunderbaren, wie ich denke mittlerweile schon klassischen Tisch M1 mit der freischwebenden, fast Viertelkreis-Platte aus gebeizter Esche, hergestellt von TECTA seit 1979, der z. B. seit zwei Jahrzehnten das Büro des Kunstvereinsdirektors in Köln ziert und in wenigen Wochen den nunmehr vierten Direktor dort bei der Arbeit hilft! Solche herrlichen Kontrastpaare können weiter fortgesetzt werden: die ironisch süffisant "Vernissage Ensemble" genannte Einheit von Becher, Tellerchen und Spieß von 1985 und sein wieder im wahrsten Sinn des Wortes ver-rücktes "Kinderzimmer", mit allen Möbeln ausgeführt um 45° geneigt, für Mauricios Kagels Film zum Leben des großen Komponisten "Ludwig van"; zart aquarellierte Landschaften und ein Vierstock hohes Wandbild am alt renommierten Kunstauktionshaus Lempertz am Neumarkt in Köln. Dinge, die fabriziert, gebraucht und benutzt werden können und solche, die nur so aussehen, aber nicht etwa schräg fotografiert sind, sondern eben einer anderen Welt angehören, und sich dem Funktionssinn verweigern, aber dafür gerade besonders teuer sind, nämlich nicht Stuhl sondern Kunstobjekt. Eine ver-rückte Welt macht Wewerka sichtbar: der schöne, edle Stuhl zum Sitzen kostet etwas, der schräge, nicht brauchbare kostet richtig Sammlergeld, das sich Museen schon kaum mehr leisten können.

Besonders stolz bin ich, daß ich einer der Geburtshelfer zweier Objekte geworden bin, die viele Besucher der documenta 8, 1987 gesehen und doch vielleicht gar nicht als Original-Beiträge der Ausstellung wahrgenommen haben: Ein Haupt-Thema der documenta 8 damals mit Manfred Schneckenburger, Armin Zweite, Vittorio Fagone und mir konzipiert, lautete, die Schnittstellen von Kunst und Leben, Kunst und Gesellschaft, die Definition der Kunst in seiner sozialen Funktion, zu untersuchen und darzustellen: ob bei Beuys oder Hans Haacke, Barbara Kruger, Jenny Holzer oder eben Stefan. So haben Sie sicher den großartigen Ausstellungsbau vor der Orangerie in Kassel gesehen, ein herrliches Stück skulpturaler Architketur, noch heute als Ausstellungspavillon der Kunstakademie Münster genutzt. Aber nicht alle verstanden dies als einen Beitrag wie die 10 Modell-Räume der anderen Architekten Hollein, Ungers etc. Doch das zweite Wewerka-Werk war noch raffinierter: es war zwar ca. 30 mal in den Ausstellungsräumen vorhanden: eine kleine thronartige tektonische Skulptur, die den Aufsehern der documenta als Sitz dienen konnte. Ein herrliches Werk, das benutzt wurde, eine der schönsten Skulpturen der Ausstellung in Kassel, aber von den wenigsten wirklich wahrgenommen. Wenige Wochen später veränderte Wewerka den Charakter des Werkes wieder, nämlich als ich ihn fragte, ob wir dies Auflagen-Objekt nicht als Jahresgabe des Kölnischen Kunstvereins verkaufen könnten, da machte er dies wieder schnell zu einer Skulptur, zu teurer Kunst! Im Frankfurter Katalog-Buch steht nunmehr unter diesem Objekt: "Galerie Jule Kewenig, Frechen"! Und wieder hat Wewerka die Kunst ver-rückt!! Wer kann Wewerka wirklich fassen? Wer wagt eine Deutung, die umfassend sein könnte? Und ich bin sicher, er verändert sich noch vielfach, denn in den nächsten Jahren kommt noch einiges hinzu, wie ich seine Kölner Professoren-Tätigkeit oder seine Modeentwürfe, seinen Küchenbaum und vieles andere in der Vergangenheit nicht einmal angesprochen habe! Deshalb versuche ich mit den Worten von Alfred Döblin aus dem "Märchen vom Materialismus", das 1942 in Hollywood geschrieben wurde (eine typische Ver-Rückung auch hier!), diese Einleitung würdig abzuschließen, sie treffen den Grundton des Werkes: "Wir kennen alle die Geschichte von dem Stab, den man ins Wasser steckt. Er ist gerade, bleibt gerade, aber sieht gebrochen aus. Das Unrecht, das dem Stab damit geschah, hatte man bisher nicht beachtet. Dem Stab freilich war es nicht entgangen. Ihm widerfuhr etwas, das ihn wirklich kränken mußte. Denn während sonst der Schein in der Welt dazu dient, ein Geschöpf schöner und eleganter zu machen, als es war, ruinierte es ihn. Ängstlich wartete der Stab, wenn man ihn ins Wasser steckte (worauf er sofort gebrochen aussah), daß man ihn herausnahm, um sich zu versichern, daß er es nicht wirklich war. Viele Stäbe waren darüber wasserscheu geworden. Sie haßten und mieden das heimtückische Wasser. Das wurde jetzt anders. Es war längst fällig. Der Stab ließ sich nicht mehr brechen. Er ging, wenn man ihn ins Wasser steckte, stracks gerade aus. Er trotzte den Refraktionsgesetzen. Er krümmte sich um keinen Winkel, keinen Millimeter. Von welcher Seite man ins Wasser sah, man erkannte: Der Stab war gerade." (aus: Alfred Döblin, Das Märchen vom Materalismus, Reclam Universalbibliothek 8261, Stuttgart 1961, S. 33/34).

© Wulf Herzogenrath 2001

www.stefanwewerka.de