Hein Stünke, Stefan Wewerka

Hein Stünke

Stefan Wewerka

Wer sein Werk einer neueren Kunstbewegung zuordnen möchte, wird es schwer haben. Was wäre auch gewonnen, wenn man es mit einem Schlagwort bezeichnen könnte. Was sagen schon Kürzel wie Geo … oder gar Neo … Geo und viel andere mit der die Trendmacher nur ihre Hilflosigkeit vor der Kunst offenbaren. Für die Kunst an der Kunst gibt es keine Begriffe.

Wo wir Wortverbindungen wie christliche, expressionistische, realistische Kunst usw. benutzen, dienen sie im besten Falle dazu, eine Vielfalt ähnlicher Erscheinungen zu benennen. Der Kunst bringen sie uns nicht näher. Man muß also, sei man Laie oder Profi, wissen wie unzulänglich die meist aus Eigenschafts- und Hauptwörtern gebildeten Hilfsbegriffe sind. Die Welt der Kunst ist nicht die Welt des Begriffs. Gegenstand aller Kunstbetrachtung ist allein das Kunstwerk. Wer seine Wahrheit durch Begriffe sucht, verfehlt es. Unbeachtet und falsch beurteilt sind die Werke Stefan Wewerkas über weite Strecken seines Weges geblieben. Die Sucht, dem Allgemeinen Vorrang zu verschaffen und das Individuelle gering zu achten, verhinderten gelegentlich den Blick auf ein besonderes Talent. Vielseitigkeit macht nicht den Künstler. Und wenn nun ein vielseitig Begabter dennoch ein Künstler ist. Was dann? Dann ist man irritiert und sucht nach Schwachstellen. Es gibt wohl kaum einen Künstler der keine hätte. Man wird sie auch bei Wewerka finden. Aber Wewerka hat das Recht nach seinen besten Werken beurteilt zu werden. Und diese sind zahlreich und verraten seine universelle Begabung. Da ist der Maler und Bildhauer, der Architekt und Zeichner, der Modeschöpfer und Designer. Und zum eigenen und zum Vergnügen anderer ist er auch noch ein Kochkünstler. Ein wahrlich reiches Ensemble aus sehr unterschiedlichen Arbeitsgebieten.

Und schon hört man, diese Vielfalt gehe auf Kosten der Kunst. Doch wer Wewerka kennt und einiges aus seinem umfangreichen Œuvre betrachtet hat, der weiß, daß in allem und in jedem Detail der gleiche Geist herrscht. Alles wird einem künstlerischen Diktat unterworfen. Das gehört zur Produktionsweise des Künstlers und erzeugt am Ende seinen Stil. Will man die Leistungen Wewerkas und die besonderen Merkmale seiner Kunst hervorheben läuft man Gefahr, nur Teile eines Werkes zu beschreiben, das Ganze aber aus dem Auge zu verlieren.

Ein Dilemma übrigens für alle Kunstbeschreibung. Sie verfährt notwendig deskriptiv und analytisch und kann darum beschreibend nicht noch einmal erzeugen, was unsere Anschauung in einem Akt wahrnimmt. Linien und Flächen, Räume und Volumen und die Farben und Bewegungen auf der zweidimensionalen Fläche oder -bei der dreidimensionalen Figur - sind Bauelemente aller Kunstwerke. Sie sind darum auch Elemente in den Werken Wewerkas. Durch die Art und Weise wie er sie verwendet, entsteht seine unverwechselbare Manier. Sie ist ein Produkt aus Kopf und Hand. Wewerka, das ist der Mann mit den Schrägen und Diagonalen. Das ist sein Tick, sagt man. Und in der Tat, die schiefen Säulen und Pfeiler, Fassaden und Bauten sind eine Art Kennzeichen seiner Kunst. Man muß sich schon bei Oldenburg umsehen nach ähnlichen Schrägen. Wewerka aber kommt aus expressionistischen Traditionen und stützt sich auf Arbeiten von Scharoun und Nay, die hier zugleich für andere Namen stehen. Beide, der Architekt und der Maler, benutzten die Diagonale, wobei Nay die Linie eliminierte durch Farbflächen und Farbkreise. Wie Scharoun und Nay bediente sich auch Wewerkas Freund und Altersgenosse Günter Fruhtrunk der Diagonalen, die er in unterschiedlich breiten Farbstreifen und Farblinien über die Bildfläche laufen ließ. Alle drei gehörten zu den nicht-klassischen Konstrukteuren. Sie waren dennoch keine Romantiker.

Der in Magdeburg geborene Wewerka wuchs in einem Elternhause auf, zu dessen Freunden, neben anderen Künstlern, der Stadtbaumeister von Magdeburg, Bruno Taut, gehörte. Der Vater war Bildhauer und hatte beim Spätklassizisten Bosselt studiert und war später einer der wenigen Schüler von Barlach. Die Kunst des Vaters, und nicht zuletzt auch die Tauts, haben Kind und Jüngling stimuliert und sicher den Entschluß erleichtert, Architektur zu studieren.

Sie haben auch die vielseitigen Anlagen gefördert, die Wewerka dann weiterentwickelt hat. Elternhaus und Freundeskreis des Vaters schufen ein geradezu ideales Klima für einen sensiblen jungen Mannmit weitgespannten Interessen. Vater und Taut haben auch einen gehörigen Anteil an einer besonderen Fähigkeit Wewerkas: dem Zeichnen. Nun gehört zum guten Architekten auch der gute Zeichner. Aber Wewerka hat sich nicht nur der harten Linie des technischen Zeichners bedient, sondern auch die Ausdruckskraft der Handschrift genutzt.

So treten in seiner Kunst beide Linien auf, werden zuweilen kombiniert und bilden in vielen seiner Werke eine Art Gerüst aus technisch harten Linien des Architekten und Designers und weichfließenden des Malers. Die betonte Schräglage seiner Handschrift und ihr müheloser Fluß sind übrigens eine weitere Quelle für seinen Diagonalismus in Zeichnungen und Plastik. Diese Kursive, wie wir sie aus Antiqua- und Groteskschriften kennen, diese schräggestellten Lettern, gehören zu einer weiteren Quelle aus der Wewerka Anregungen bezogen hat.

Schräge und spitzer Winkel sind nicht unbedingt Elemente der Architektur. Auch nicht bei Wewerka. Architektur orientiert sich an Architektur. Kein Wunder, daß er sie an den Bauten der Großen des Jahrhunderts studierte. Die Bevorzugten hat er noch alle gekannt: den väterlichen Freund Bruno Taut, den großartigen Mies van der Rohe und den schrulligen und merkwürdig genialen Scharoun. Was Wewerka mit diesen Dreien verbindet, ist die Auffassung von Architektur als Kunst. Der sogenannte Funktionalismus, der sich in seinem geliebten Berlin nach dem Kriege wuchernd breitmachte, markiert die Gegenposition. Er kulminiert schließlich in jenem Vielorismus, der uns in vielen Städten - als soziale Fürsorge getarnt und mit Gewerkschaftsmitteln finanziert - angeblich funktionsgerechte Bauten von einzigartiger Scheußlichkeit hinterließ. Es entbehrt nicht der Ironie, das überall wo der Funktionalismus zum Dogma erhoben, die Kunst eleminiert wurde. Man kann nicht von Wewerka reden, ohne sein besonderes Verhältnis zur Tradition zu sehen. Er geht mit ihr sehr freimütig um, wählt aus ihr, was ihm gemäß. Der wieder aktuell gewordene Historismus liegt ihm fern. Die exemplarischen Schöpfungen interessieren. Wenn er vom Tempel in Paestum einen Film dreht, wird daraus keine Bildungsflunkerei. Es geht um die Beziehung von Landschaft und Kunst, von Massen und Volumen, von Licht und Schatten, um Maße und Verhältnisse, um Unwiederholbares und um die Aktualität von Geschichte. Nicht anders ist es bei Ledoux, der wohl geistreichste Architekt aus dem französischen 18. Jahrhundert, dem alles zur Poesie gerät. Und welcher Berliner hätte es nicht mit dem preußischen Stil, mit Gilly und Schinkel. Ihre Architektur und ihre Universalität erleben -gewandelt - in Wewerka eine Wiederkehr, sei's in seinem neuesten Ausstellungspavillon, sei's in seinen Möbelentwürfen. Das verpönte 19. Jahrhundert und der Historismus von Semper und Hittorff fallen bei Wewerka nicht in Ungnade. Es sind insbesondere die beiden bedeutenden Männer, die trotz ihres historisierenden Bauens, die Architektur auch immer als Kunst verstanden haben.

Mit dem Hinweis auf Ahnenreihe und Geschichte kann Stefan Wewerkas Werk nicht relativiert werden. Er denkt, entwirft und zeichnet mit der Geschichte und ist dennoch der, der er ist, der unbestechliche Künstler.


(Anfang der 1990er Jahre)