Bernard Andreae über Wewerkas Sieben Weltwunder

WEWERKA

Die sieben Weltwunder

Sieben Radierungen

 

Weil er kein anderes Mittel wußte, seinen Namen zu verewigen, warf ein Mann namens Herostat im Jahre 356 vor Christus eine Fackel in den Tempel der Artemis von Ephesos und zerstörte so ein Wunderwerk der Kunst, von dessen Schönheit Ausgrabungen eine klare und um so wehmütiger stimmende Vorstellung vermittelt haben. Als Zeitgenosse eines anderen Herostat, der vor den Augen aller die Pietà des Michelangelo mit dem Hammer beschädigt hat, haben wir die unendliche Spannung, die das wahrhafte Kunstwerk dem Betrachter mitteilt, in einer Wahnsinnstat sich lösen sehen. Wir bezeichnen die Werke der Kunst als Wunder, weil wir vor ihnen klein werden, sie nicht machen und nicht begreifen können. Aber der menschliche Geist ersinnt Mittel, wie er sich des Unfaßlichen bemächtigen könne. Es gab Zeiten, die dem Großen dadurch beizukommen trachteten, daß sie es in Ranglisten einordneten. Ein wissenschaftliches, rubrizierendes Interesse suchte die historischen Erscheinungen ihrer unvorstellbaren Vielfalt zu entkleiden; enyklopädisches Wissen war wichtig. Eine solche Zeit war das Zeitalter des Hellinismus, da man aus den großen Werken der Kunst sieben heraushob und als Theamata, als Wunder bezeichnete, die in der Welt ihresgleichen nicht hatten.

Die älteste solcher Listen ist in einem Epigramm des Antipatros von Sidon aus dem 2. Jahrhundert vor Christus erhalten. Bei ihm und anderen, so vor allem in dem Traktat des Philon von Byzanz Peri ton hepta theamaton aus dem 5. oder 6. Jahrhundert nach Christus ist die Siebenzahl gewählt, die der alten Welt als heilig galt, seit man den Mondmonat von 28 Tagen in vier Siebentagewochen eingeteilt hatte. Die Sieben, Summe der beiden vollkommenen Zahlen drei und vier, die den einfachsten geometrischen Figuren zugrunde liegen, begegnet immer wieder, wenn eine erhabene Ordnung angedeutet werden soll, wie sie etwa die Bahnen der sieben im Alterum bekannten Planeten darstellten. Sieben Weise wurden in Griechenland verehrt, sieben Könige regierten über Rom. Bis hin zu den sieben Sakramenten war diese Zahl fundamental.

 

Aber bei der Beschränkung auf sieben unter den Weltwundern konnte es nicht ausbleiben, daß die Wahl auf verschiedene Kunstwerke fiel. Wenn man aus der unfaßlichen Zahl künstlerischer Schöpfertaten eine faßliche Siebenzahl machen wollte, dann mußte man in Konflikt geraten. So decken sich die uns überlieferten Listen nur teilweise. Fast immer sind die Pyramiden, Babylon mi den Stadtmauern oder den Hängenden Gärten der Semiramis, das Mausoleum und der Koloß von Rhodos darunter; die übrigen, unter denen an erster Stelle der ephesische Artemistempel und der zeus des Phidias figurieren, sind häufig verschieden, aber in keiner mir bekannt gewordenen Liste der Sieben Weltwunder sind die sieben hier zusammengestellten Werke gemeinsam vertreten.

 

Wewerka hat also eine eigene Auswahl getroffen und sich damit scheinbar in die Zahl der systematisierenden Historiker eingereiht, die innerhalb der fünfzig Jahre ihren Anfang nahm, in dem der Koloß von Rhodos aufrecht stand. Denn die 37 m hohe Statue des helios, die Chares aus Lindos 280 geschaffen hatte, die aber schon 226 bei einem Erdbeben umstürzte und nicht wieder aufgestellt worden war, ist das späteste der Sieben Weltwunder und bietet daher einen Terminus post quem für die älteste Liste. Diese älteste Liste zeigte eine systematische Auswahl: Steindenkmale, wehrhafte Ziegelbauweise, Gartenbaukunst, Grabmal und Tempel, Goldelfenbein- und Bronzetechnik in der Plastik waren vertreten, zugleich markante Kunstwerke der drei mittelländischen Hochkulturen Ägypten, Mesopotamien, Griechenland. Bei der Auswahl Wewerkas ist die Architektur bevorzugt. Babylon hat ihn besonders gereizt, und auf den Leuchtturm von Pharos bei Alexandria, der niemals sonst mit den beiden babylonischen Architekturwerken gemeinsam vorkommt, wollte der Architekt in Wewerka offenbar nicht verzichten.

Doch nun zur Sache. Die Anregungen zu dieser jüngsten Bildfolge der Weltwunder stammen aus ganz verschiedenen Quellen: Marten van Heemskerk, der 1572, also vor genau 400 Jahren, eine berühmte Stichfolge der Sieben Weltwunder geschaffen hat, stand Pate beim Koloß von Rhodos, Breughel bei der Stadtmauer von Babylon mit dem sprachverwirrenden Turm. Auf archäologischen Forschungen beruhende, wissenschaftlich begründete Rekonstruktionen lieferten den Vorwurf für das Mausoleum, an Feininger denkt man beim Leuchtturm von Alexandria. Das Pyramidenmuseum erinnert eher an »Cestius' Male« als an die Pyramiden von Gizeh. Dem Artemistempel diente die eine Ecke des Tempels von Priene als Vorlage, die in den Berliner Museen so eindrucksvoll und zugleich so merkwürdig, fast wie ein naturwissenschaftliches Präparat wieder aufgebaut ist. Reine Phantasie mit nach Archäologenmanier gezeichneten Mauern sind die Hängenden Gärten der Semiramis. Ganz deutlich ist die Absicht, nicht zu systematisieren, sich nicht zu wiederholen. das zeigen auch die stark von der Endausführung abweichenden Entwurfskizzen.

Die sieben Werke, die ordnender Menschengeist zu Weltwundern machte, waren monumental. Man muß den Anspruch der Erhabenheit kennen, den die Weltwunder haben, um die funkelnde Ironie zu verstehen, die sich in diesen Blättern ausdrückt. Anstelle der Quadriga steht ein Fahrrad mit eingeschalteter Beleuchtung auf dem Pyramidenhelm des Mausoleums, das einknickt, wie ein Kartenhaus, in das ein Knabe hineinbläst. Oder hat der Zeichner die Säulen schräg legen müssen, weil das Grabmal des Maussollos zu groß ist, als daß es auf irgendein Blatt paßte? Windschief steht auch der Leuchtturm von Pharos und verliert sich so hoch und spitz im Himmel, daß er mehrfach gebrochen werden muß, um sich dem Bildformat einzufügen. Und da ist noch - ganz weit weg - ein kleiner Turm, der größer wirkt als der große, mit Strahlen, die bis ans Ende des Firmaments reichen. Der Artemistempel von Ephesos ist so groß, daß nur eine Ecke im Blickfeld eingefangen werden kann, will man ihn nicht verzerren. In dieser Serie verblüfft die senkrechte. Nach den Vorstudien hätte man eine gekippte Madeleine erwartet. Aber hier überrascht der Künstler den Betrachter der übrigen Blätter mit ordentlicher Tektonik. Menschen schrumpfen davor zu Ameisen. Das Kuriose, das am Weltwunder so reizt, wird zum Gespött. Die Hängenden Gärten wirbeln wie ein Kettenkarussel herum und scheinen sich zu nähern und zu entfernen wie Pulsare. Masse wird Energie. Eine kosmische Größenordnung deutet sich an. Über einer Welt mit winzigen Bauten: Pyramide, Leuchtturm, Schiffslände, sind die Gärten aufgehängt an einem Punkt außerhalb der Erde, an einem archimedischen Punkt, von dem aus man die Welt aus den Angeln heben kann. Wolkenkratzer nennt man die höchsten Bauten der Erde und vergleicht sie den Weltwundern des Altertums. Kopf und Arme des Koloß von Rhodos schwimmen in den Wolken, daß man nicht weiß, ob sie daraus auftauchen und gleich wieder von Wolkenfetzen verhüllt werden oder ob es nur Papierschitzel sind, die durch den Himmel fliegen, wie die zu Narrenkappen verbogenen Pyramiden im Pyramidenmuseum. Hier findet sich alles, was man Pyramiden wissen muß, vom Pascalschen Dreieck über die Stufenpyramide zur Knickpyramide. Auch ein pyramidaler Berg mit Gesichtern im Profil treibt in diesem Verlies mit der einen Innen- und der anderen Außenwand dahin. Wie gekräuselte Luft läuft davor eine Spiegelschrift »face-mountain«. Man wird an die überdimensionalen Gesichter der Präsidenten von Mt. Rushmore erinnert und lernt, daß Monumentalität noch nicht Kunst ist. Babylon wirkt wie eine ganze Welt, mit extremem Superweitwinkel von einem Raumschiff aufgenommen; die hintereinandergestaffelten Mauern sind in der Randzone des Objektivs verzerrt, aber es ist die einzige Möglichkeit, sie einzufangen, während Schiffe am gebogenen Horizont ihre Reichtümer bringen, und der Turmbau zu Babel schläft mit geschlossenen Augen und eingesunkener Nase.

Alles ist aus dem »Stoff, aus dem die Träume sind«, aber es gewinnt unversehens eine beklemmende, metaphysische Monumentalität. Wewerka hat Tische mit beängstigenden Verkürzungen verzerrt, damit man wieder hinschaut. Verfremdende Verkürzungen gehören zur Stilsprache Wewerkas. An den Sieben Weltwundern bewährt sich dieser Stil, um die Nichtdarstellbarkeit darzustellen. Dies ist ein sublimiertes Herostratentum. Der Künstler demontiert die zu Klischees gewordenen Kunstwerke, um sie als unfaßliche zu restituieren.

 

Bernard Andreae