Bazon Brock für Stefan Wewerka

 

Wewerka triumphierte über die Design-Funktionäre der Postmoderne, weil er

es fertig brachte, die ursprüngliche Bedeutung von Designen in die Gegenwart

zurückzuholen. Er vermittelte nämlich die Kraft der gedanklichen Konzepte

des Paradoxien erschliessenden Witzes und der psychischen Energie mit der

Welt der Dinge. Er beseelte die Artefakte nicht nur durch den Schöpferhauch

(unter Künstlern häufig als Mundgeruch der Trinker diskriminiert), sondern

ermunterte sie, ja, zwang sie zu einem Eigenleben, wie es zuvor nur

Theodor Vischer (Tücke des Objekts), Dick und Doof, Charley Chaplin, Buster

Keaton (Heimtücke des Fetisch) und nach Wewerka das Schweizer Künstlerduo

Fischli und Weiss (Funktionslogiken der Objektpanik) versucht hatten.

Wewerkas hinkende Stühle, sich selbst unter den Tisch saufenden Tische und

seine Totalisierung der Körperfaltungen zur raumsparenden Entsorgung sind

Wunderwerke der künstlerischen Aufklärung: Sie verhindern die

fundamentalistisch platte 1:1-Übersetzung von Gestalterideen in materiale

Verkörperungen. Er ist der Grossmeister des Antifundamentalismus durch

Ermunterung der Dinge zur Schieflage, zum Eigensinn und zur blühenden

Vieldeutigkeit und Mehrwertigkeit.

Nun wendet die Natur Wewerkas Um- und Umgestaltungsvermögen auf den Meister

selber an. Alter nennt man das Falten von Körperpartien, das Knickballett

von nicht mehr tragfähigen Beinen - möge er am eigenen Leib die Bestätigung

geniessen, dass er Gestaltung stets und naturgemäss als Rearrangement von

Körpern im Raum, also als Ballett des Verschwindens betrieben hat. Ein guter

Mann, er sei gesegnet.

 

September 2006