Stefán Polónyi, 2008

Stefan Wewerka zum Achtzigsten

 

Anfang 1957 sagte mir Bruno Jabs im Kölner Segler Club, als er erfuhr, dass ich Bauingenieur bin: „Ich kenne einen Architekten, ich mache Sie bekannt." Einige Wochen später war es soweit: Ich lernte Stefan Wewerka kennen. Um uns zu unterscheiden, nannte er mich „István". Er eröffnete mir den Blick auf die Architekten- und Kunstszene. Er machte mich bekannt mit Josef Lehmbrock, Oswald Mathias Ungers, Erich Reusch, Mary Bauermeister und vielen anderen.

 

Wir bearbeiteten mehrere Wettbewerbe, wobei es wüst zuging. Stefan wohnte im Dachgeschoss in der Humboldtstraße. In den letzten Stunden wurde die Szene immer dramatischer: Zweifel und Hoffnung. Das Paket musste bis Mitternacht am Bahnhof abgeliefert werden. Einer ist bereits zum Bahnhof gelaufen, um die Umschaltung der Uhr zu verzögern, was auch glückte. Um halb eins stand der Wagen mit laufendem Motor und offenen Türen vor dem Haus. Mit Zeichenrolle und Modellkasten bepackt, rannten wir die Treppe hinunter, sprangen ins Auto, das mit quietschenden Reifen davonraste. Aus dem Wagen zurückblickend, sahen wir, dass die am Fenster stehenden Hausbewohner unser verdächtiges Tun beobachteten.

 

Die Wohnung von Stefan war sehr praktisch. Die Duschwanne hatte eine Sitzstufe, wo das schmutzige Geschirr gelagert wurde, das beim Duschen gleich die Spülung erfuhr.

 

Wir spazierten in der Innenstatt mit einigen Damen aus dem Ballettkorps der Oper. Stefan verschwand nach vorne. An der nächsten Straßenecke erschien sein Kopf in Hundehöhe.

 

In einer Bar an der Theke saß er neben einem kräftigen Mann, der der Bardame den Hof machte und sich als Pepsodent-Vertreter outete. (Damals hieß das noch irgendwie anders.) Stefan ganz leise vor sich: Blendax ist besser. Er gab sich als Vertreter dieser Marke aus. Als der heftige Wortwechsel in Handgreiflichkeit auszuarten drohte, bat die Bardame, den Qualitätsvergleich der Fabrikate vor der Tür vorzunehmen. Auf der Straße legten die beiden ihre Jacken ab und nahmen Aufstellung zum Boxkampf: der gewaltige Pepsodentmensch und Stefan. Uns wurde bange. Im letzten Augenblick schob Felix Stefan zur Seite: „Lass mich das machen" und versetzte Pepsodent einen Kinnhaken, infolge dessen der sich auf dem Bürgersteig auf dem Rücken wiederfand. Aufgestanden fragte er: „Mensch, wie hast du das gemacht?" Felix: „So". Er lag wieder. Blendax hatte gewonnen.

 

Ich hatte schon mein eigenes Büro. Nachmittags um zwei klingelte das Telefon: „István, wir sitzen hier beim Italiener in der Breitestraße, haben gut gespiesen, dann ging ich zum Kleinschmidt, das versprochene Honorar abzuholen, um die Rechnung begleichen zu können, und dieser Gauner war nicht in seinem Büro. Komm lös' uns aus."

 

Wir haben einen Auftrag! Der Leiter der Citroen-Niederlassung wollte sich ein Einfamilienhaus bauen. Stefan hatte einen sehr schönen Entwurf gemacht. Ich bearbeitete schon die Statik. Aber Stefan war verschwunden. Tage später hörte ich, dass er am 1. Mai gesichtet worden war, wie er mit hoch bepacktem 2CV und Weib die Stadt Richtung Paris verließ. Er blieb längere Zeit weg, das Projekt starb, unsere bis dahin erbrachte Leistung wurde freilich nicht honoriert.

 

Wir hatten einmal auch ein anderes Einfamilienhaus auf dem Lande. Ein reicher Bauer wollte sich etwas Standesgemäßes hinstellen. Stefan zeichnete einen soliden Entwurf. „Wie groß ist das Schlafzimmer? Nur so groß? Das ist viel zu klein. Das muss größer werden." Stefan multiplizierte alle Maße mit 1,5. „Das ist schon was Anderes! Was kostet das? So viel? Das geht nicht. Dann muss es doch kleiner werden."

 

Unsere Wettbewerbsbemühungen waren nicht erfolgreich. Zwar legte Stefan immer wieder sehr interessante Entwürfe vor, aber irgendwo steckte immer etwas, woran die Jury Anstoß nahm. Ich erinnere mich an einen sehr schönen Entwurf für das Schauspielhaus Düsseldorf, in dem der Umkleidetrakt irgendwie nicht ganz zum sonstigen Baukörper passte.

 

Wir bearbeiteten einen internationalen Wettbewerb für die USA. Die Ausschreibung hatte Felix übersetzt. Uns schienen die Räume sehr groß zu sein, aber wer weiß, in Amerika ist alles viel größer. Es war ein wunderbarer Entwurf. Einige Stunden vor Abgabe wurde uns klar, dass Felix ft2 mit m2 gleichgesetzt hatte.

 

Stefan durfte die Neven DuMont Galerie gestalten. Zur Breitestraße öffnete sich der Raum mit einer geschosshohen Glasscheibe. Eines Abends stellte Stefan seine zersägten Thonnetstühle so an die Scheibe, dass ein Teil in der Straße, der andere Teil im Raum stand. Wir saßen im Dunkeln und beobachteten die Leute. Manche gingen nichts merkend vorbei, andere bemerkten, als sie schon vorbei waren, dass es hier etwas Merkwürdiges zu sehen war. Sie kamen zurück und betrachteten kopfschüttelnd das Objekt.

 

Lieber Stefan!

Du bist mir stets gegenwärtig. Meine Wohnung ist mit Deinen Möbeln ausgestattet. Die Gäste bewundern, dass das Geschirr im Estisch gelagert wird. Ich habe noch eine Wewerka-Jacke,  Deine Schultertasche ist auf Reisen mein treuer Begleiter.

 

Ich habe Dir sehr viel zu verdanken. Nicht nur die gemeinsamen Erlebnisse und die daraus resultierenden Erinnerungen. Du warst für meinen Lebensweg von großer Bedeutung. Ich habe von Dir bezüglich Kunst und insbesondere Architektur viel gelernt. Du hast mich mit Josef Lehmbrock bekannt gemacht, mit dem ich die Kirche St. Suitbert in Essen-Überruhr planen durfte, die bei meiner Berufung an der TU Berlin als habilitationsadäquate Leistung angesehen wurde, mit O. M. Ungers, der sich als Dekan bei der Vakanz des Lehrstuhls für Statik und Festigkeitslehre an mich erinnerte. Du warst meine Starthilfe.

 

Ich umarme Dich ganz fest

Dein István