Peter Tollens, Ein Brief

lieber wulf herzogenrath,

 

an stefans 80sten denke ich schon lange und hatte in den letzten tagen kleine bildträger vorbereitet, um eine niederrheinvoreifellandschaftsstudie als geschenk für ihn zu malen.

Und nun gehen meine gedanken immer wieder von meinem vorhaben zu Ihrem anliegen.

Das ist für mich, als würde ich versuchen, ein in der badewanne verloren gegangenes stück seife zu greifen und festzuhalten. Immer wieder flutschten meine gedanken in eine andere ebene, situation, begebenheit, anekdote,  usw.

Sie wissen ja, wie stefan auf so ein anliegen reagieren würde: vielleicht darüber nachdenken, bestimmt liegen lassen, bestimmt liegen lassen, bestimmt liegen lassen, dann nichts tun, da möglicherweise blödsinn!

 

als direkter wohnungsnachbar kenne ich stefan natürlich noch aus ganz anderen zusammenhängen. Es gibt einige, fast familiäre erinnerungen, wenn nicht der begriff >familie< in verbindung mit stefan wewerka fast ein paradox wäre. Wir leben tür an tür und stefan hat, wenn es notwendig war, seine freunde mit zu uns gebracht. Da waren dann george brecht, daniel spoerri, robert filliou usw. bei uns und teilten sich mit uns die „studentenspaghetti". 

Und doch ist Stefan fast so etwas wie der gelebte widerspruch von distanz und nähe.

 

Trotz seiner ansammlung von macken und mucken liebe und verehre ich stefan und auch sein werk fast schon ohne vorbehalt.

Das schiefe, schräge, dieser ihm eigene humor, ist ja kein „gimmick", das ist etwas sehr seltenes, vollkommen echt. Und alles was nicht echt ist, was gekünstelt ist, spiesst er unbarmherzig auf und verachtet er abgrundtief!!

 

Als ich ende der 70er in stefans klasse an der kölner werkschule kam, gab es an dieser schule niemanden, der ausserhalb der schule mit seiner arbeit anerkennung hatte. Mir schien dort alles in einer stimmung und haltung, die fast 100 jahre zurücklag, sich wohlig eingerichtet zu haben. Dafür hatte ich nicht meinen schon gelernten beruf aufgegeben; ich wollte etwas lernen + erfahren.

Aber da war dann dieser kleine, beleibte, immer rauchende, komische mann, der doch enormen raum einnahm + respekt verströmte; nicht unnahbar, immer aber immer mit anspruch. 

Einer, der nicht mit seinem frust und seinem zynismus, uns kinder von unseren unausgegorenen ideen abzubringen und uns unsere illusionen zu nehmen versuchte. Einer, der sich auf fast alles einliess und manchmal vorsichtig, manchmal rüde, mit ratschlägen, mit besuchsempfehlungen bei seinen künstlerfreunden, in unsere vorstellungen eingriff und uns lenkte.

Aber es war beileibe nicht einfach mit dieser type, die er nunmal  ist, zu arbeiten.

 

Es gibt vielleicht niemanden, auf den der witz von dem mann besser zutrifft, der sagt: leute, ich gehe mal eben zigaretten holen; und sich dann wieder nach etlichen wochen mit lachendem gesicht und ohne schlechtes gewissen,  als wäre er gestern noch da gewesen, wieder einfindet.

Das studium bei stefan wewerka war von abwesenheit und warten bestimmt. (selbst am tag unserer prüfung mussten wir ihn von einer reise abhalten und mussten uns unsere bürgerliche haltung: >einen scheiss schein< zu bekommen, vorhalten lassen )

Bürgerliches, wieder so ein widerspruch, ist grundlage seiner arbeit und  handlungen und ihm gleichzeitig absolut verhasst.

Zusagen und verabredungen wurden ganz einfach nicht eingehalten. Und doch hat er es geschafft, uns alle in eine situation zu lenken, die die konzentration und die entwicklung jedes einzelnen in seiner >kleinen empfindung< förderte. Seine eigene arbeit und seine vorstellungen waren nicht grundlage. Er war nicht eitel und versuchte uns nicht nur an seine klasse zu binden. Es kamen dann später daniel spoerri, eduardo paolozzi und oswald wiener an die schule. Er hat uns immer ermutigt, auch dort zu arbeiten. 

Und doch hat er es geschafft: kriterien für werte zu formulieren, die unsere gedanken, unsere materialbehandlung, unsere arbeit, usw. bestimmten. Und er forderte qualitiäten !!!! 

Und ein „irgendwie" war abwegig!!!

 

was mich betrifft, war seine form der lehre ein segen.

Durch stefan erkannte ich, was ich nicht wollte und gleichzeitig war er (und ist es noch) in seiner kompromisslosen, manchmal wenig diplomatischen haltung, maßstab.

Ich wollte immer malen und er hat mich in den (selten in der schule, meist beim kölsch in der kneipe soenius gegenüber) gesprächen (da haben wir uns ausgetauscht über unsere lieblinge: rembrandt, cezanne, chardin, mondrian, morandi, selten mal zeitgenössisches, aber auch jazzmusik, kriminalliteratur und natürlich diese filmemacher und komiker, w. c. fields, jacques tati, karl valentin) auf eine spur gesetzt, der ich immer noch folge.

Es ist übrigens nicht verwunderlich, dass mehrere maler aus stefans klasse hervorgegangen sind: stefan liebt malerei.

 

herzliche grüße

peter tollens