Interview Art Aurea (1_95)

Interview mit der Zeitschrift Art Area (1/95)

 

Art Aurea: Zunehmend wird über den Verlust der Behaglichkeit im Wohnbereich geklagt. Was macht Wohnen für Sie aus?

 

StW.: Arbeiten und Wohnen ist für mich gleichwertig. Also, wenn ich an einem Tisch so sitzen kann wie am »M1«, das ist einfach wunderbar. Das ist ein Arbeitstisch, der sich von allen anderen Tischen unterscheidet. Weg vom Quadrat, vom Bauhaus. Wir haben versucht anders zu denken, hier kann man völlig gleichberechtigt zusammensein. Kommunikation ist der Trick dieses Tisches, man sitzt sich fast diagonal gegenüber. Es besteht eine Beziehung zueinander, also nicht wie die Vögel, die in einer Reihe sitzen und glotzen.

 

Arbeiten und Wohnen scheinen durch die neuen Informations- und Kommunikationstechniken immer mehr ineinanderzufließen.

 

Ja, das ist für mich eine ganz alte Sache, eine persönliche Erfahrung. Ich komme aus einer Künstlerfamilie, ich saß da, meine Mutter machte irgend etwas, und mein Vater zeichnete, d. h., der Prozeß von Arbeiten und Wohnen war völlig normal, das bin ich von Kind an gewöhnt. Normalerweise geht der Vater morgens um sieben aus dem Haus und kommt Punkt fünf zurück, kriegt sein Abendessen, und dann setzt er sich vor den Fernseher. Diese Trennung habe ich nie erfahren, und deshalb ist die ganz private Sphäre der Kindheit wie ein ungeheuer dicker Kuchen, von dem ich immer abgeben konnte, zum Beispiel an meine Studenten.

 

Welche Ratschläge geben Sie Ihren Studenten?

 

Nichts mit dem Holzhammer, mit der Oberlehrermethode. Ich habe zu meinen Studenten immer gesagt, wenn sie das erste Mal kamen, ich bin älter und habe Erfahrung, aber ich kann ihnen rezeptmäßig nichts beibringen. Ich kann ihnen helfen, daß sie sich selbst entdecken, also ihre Limits ausloten, das ist ganz wesentlich. Wenn einer dafür ein Gefühl entwickelt, nach acht oder zehn Semestern, dann ist das schon beachtlich.

 

Zurück zu den Möbeln. Nehmen wir mal den »B1« und den »Classroom-Chair«. Welche Unterschiede gibt es im Entwurfsprozeß?

 

Das hat nichts miteinander zu tun. Der »Classroom-Chair« ist eine Skulptur, die ich gemacht habe, bevor ich Gebrauchsmöbel entwickelt habe. Zum »B1« - ich hatte so eine merkwürdige Stuhlskulptur zu Hause, einen umgebauten falschen Stuhl, und ich dachte, eigentlich könnte man daraus einen sehr bequemen fünf- oder dreibeinigen Stuhl machen. Und daraus ist dann der »B1« entstanden. Ich mache eben dies und dann jenes. Von Zeit zu Zeit entdecke und erfinde ich etwas, eröffne Prozesse, was mir wichtig ist, ist nicht so sehr das Ergebnis, sondern das In-Gang-Setzen von Prozessen. Es muß aber immer im Rahmen der Thematik - Skulptur oder Malerei oder auch Möbel - bleiben.

 

Wie beurteilen Sie das heutige Design?

 

Kennen Sie das Buch »Design heute« vom Frankfurter Architekturmuseum? Da können Sie den ganzen Schrott sehen. Ein Alptraum. Ich bin mit Dieter Rams durch die Ausstellung gegangen, und wir fragten uns beide, wohin das führen soll. Dieter Rams, Richard Sapper und Giorgio Armani mit seiner Mode bringe ich Bewunderung und besonderen Respekt entgegen. Unter den Jüngeren überzeugt mich Jasper Morrison, von dem ich zwei Stühle besitze.

     Bei meinem ersten Besuch bei TECTA wurden zufällig drei neue Hobelbänke geliefert, schöne, massive Rotbuchenblöcke. Und da habe ich zu Axel Bruchhäuser, dem Chef, gesagt, daß es das Optimum für mich sei, Möbel zu bauen, die ebenso sauber und klar, so funktional und schön sind.

 

Also einfach und funktional sollen die Klassiker von morgen sein?

 

Gestern oder morgen oder heute, Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, ist für mich eine verschmolzene Einheit. Die ganze moderne westliche Architektur dieses Jahrhunderts, z. B. Mies van der Rohe, beruht größtenteils auf japanischen Traditionen, die sich in Jahrhunderten entwickelt haben. Auf das Ergebnis kommt es an, es kann nur richtig oder falsch sein. Und Möbel als Massenware müssen gebrauchsfähig sein und von zeitloser Schönheit.

 

»Klassiker des Möbeldesigns« werden als Reeditionen immer neu aufgelegt. Ist dies ein Beleg für das fehlende Zutrauen in das Design von heute? Wie soll es weitergehen im Möbeldesign, wenn dieses Zutrauen fehlt?

 

Doch es geht weiter, mein Tisch »M1« z. B. war im Möbeldesign ein maßgeblicher Schritt in eine neue Richtung und eine grundsätzlich andere Auffassung von Möbelbau. Das bezeugen auch die vielen, zumeist mißverstandenen Kopien. Ob symmetrisch oder asymmetrisch ist kein Kriterium an sich, sondern hängt von der Aufgabenstellung ab.

 

Nehmen Sie Design ernst?

 

Natürlich. Auch bei der Mode, die ich 1981 entwickelt habe, habe ich wie bei den Möbeln auf Funktionalität geachtet, und dabei ist sie auch sinnlich-feminin. Giorgio Armani ist der Modeschöpfer, dem ich mich verwandt fühle.

 

Was halten Sie von Designermöbeln als Wertanlage?

 

Eigentlich interessiert mich so ein Markt nicht. Wenn einer einen Cézanne kauft und sammelt, dann finde ich das in Ordnung, aber Möbel, was soll der Unsinn. Einen Schrank, den Breuer als 18jähriger Bauhausschüler gebaut hat, den gibt es nur einmal, das ist was anderes.

 

Können Sie etwas zu Ihren neuen Projekten sagen?

 

Es gibt einen neuen Film, basierend auf kleinen Filmen, die ich mal mit meiner Frau gemacht habe. Der Film hat auch biographische Züge. Ich kippe den Kölner Dom um, aber richtig, es fliegen Steine runter und so. Ich spiele da mit, bin Schauspieler, das ist der andere Beruf, den ich gerne gemacht hätte. Aber mein Vater sagte: Finger weg.