Stefan Wewerka, Wohnviertel Ruhwald

Ideenwettbewerb „Wohnviertel Ruhwald", Berlin-Westend (1965-66)

Erläuterungsbericht:

 

Wenn man mit dem Autobus A 10 von Charlottenburg über den Fürstenbrunner Damm nach Siemensstadt pendelt, hat man den Eindruck, von einer Stadt zur anderen zu fahren, eine „Überlandstraße" in einer verhältnismäßig rein erhaltenen Flusstallandschaft. Von höheren Bauten in Siemensstadt oder von der neu erbauten Stadtautobahnbrücke kann man einen zusammenhängenden Silhouetteneindruck des nördlichen Rand des Stadtteiles Westend, vom breiten Spreetal und von den in Berlin so seltenen Geländeunterschieden erhalten. Die vorherrschenden Konturen sind die Bauten: Westend-Krankenhaus (Lüftungshauben der Pavillon-Bauten), im Hintergrund der L.C.Bau, das Wohnhochhaus am Spandauer Damm und schließlich das Olympiastadion mit seinen Türmen und Masten. Der abfallende Hang des Baugeländes klafft als Lücke in dieser lebendigen Silhouette.

Im vorliegenden Entwurf ist der Versuch unternommen worden, eine kleine städtische Einheit im Zusammenhang mit diesen Gegebenheiten zu entwickeln. -

Als das wohl älteste Element des Städtebaues kann die Straße angesehen werden. Straßen waren einst Verbindungslinien zwischen Ansiedlungen verschiedenster Art, und wenn der Mensch das Land eroberte, diente ihm die Straße als wichtigstes Hilfsmittel. Beim Bau von Stadt und Dorf diente die gleiche Straße als Verbindungsglied zwischen Haus und Haus, Stadt und Stadt, Land und Stadt. Wenn Städte wuchsen, wurden die Hauptstraßen, als älteste Hauptverbindungslinien, in viele kleinere verästelt. Dies führte schließlich zu dem heute so komplizierten Netz von Straßen in unseren Städten. Der städtische Straßenraum wurde immer von privaten und öffentlichen Gebäuden begrenzt, diese Bauten mit ihren unterschiedlichen Nutzungen umschlossen wie Mauern den gemeinsamen Raum. Sie bildeten den Rahmen für die Vorgänge im öffentlichen Bereich. Jede Epoche hatte ihre eigene Auffassung von der Form des öffentlichen Bereichs. Das Prinzip, nämlich die Aneinanderreihung von verschiedensten Bauwerken rechts und links der Straße, ist stets dasselbe geblieben, ob es sich um eine Avenue, Piazza oder Gasse handelte. Die Straße war zu allen Zeiten die „Wohnstube" der Bevölkerung. Die Idee, den vertrauten städtischen Raum erneut anzuwenden, führte zu diesem Entwurf. -

 

Im öffentlichen Raum sollen sich alle die Geschehnisse, die sich seit eh und je in diesem Raum abgespielt haben, wieder ereignen können, allerdings besser organisiert.

In der „Wohnstube" befindet sich folgendes Mobiliar:

Fußwege mit unterschiedlichsten Breiten und auf verschiedenen Ebenen (Nutzung der vorhandenen Geländebeschaffenheit), alle diese Ebenen sind durch Freitreppen (oder durch überdachte) und mit Rampen (für Fahrräder, Kinderwagen, Roller und Schlitten) untereinander verbunden, Bastionen und Terrassen mit Sitzbänken (für alte Leute eine Aufforderung zur Teilnahme am täglichen Geschehen) und kleineren Spiel- und Tummelplätzen, den dazugehörigen Spielgeräten (für Kleinkinder, die von alten Leuten bewacht werden könnten) ferner Plantsch- und (Kleinst)Schwimmbecken in größerer Anzahl (anstatt einer großen Schwimmanstalt), außerdem alle notwendigen technischen Einrichtungen: kleine Trinkwasserbrunnen, Telefonzellen, Briefkästen, Autowaschanlagen, manchmal pavillonartige, freistehende Ladenbauten mit genutztem Dach (wie es die Topographie anbietet), kleinen Autoabstellflächen (um übelriechende asphaltierte mit Blech bestandene Flächen zu vermeiden), damit jeder Bewohner möglichst nahe seiner Haustür parken kann (Mutter mit zwei Kindern und vollen Einkaufstaschen), das völlig neutrale Netz von Bedienungsstraßen (30 KM/Std. Jedes Haus kann bedient werden. Auch in der Zukunft können sich neue Nutzungen ansiedeln oder Umbauten vorgenommen werden, ohne daß der Gesamteindruck verschandelt wird oder organisatorische Störungen erleiden würde), schließlich gibt es hier und da Fußgängerbrückchen über dem tieferliegenden Fahrdamm (wie es die Topographie anbietet) und Passagen als Querverbindungen für Fußgänger und Automobile. Bäume, Büsche und Blumen sind vorgesehen. Das im Wettbewerbsentwurf dargestellte Detailblatt im M. 1:200 gilt für das gesamte Gebiet, natürlich immer entsprechend der Geländebeschaffenheit variiert, es zeigt den Versuch, ein vielseitiges und lebendiges „Straßengebäude" zu entwickeln. -

 

Jeder Bewohner kann vom Fenster seiner Wohnung oder aus der Straße die im Norden liegende, weite Landschaft erleben und am täglichen Schauspiel des Tegeler Flughafens teilnehmen und die abwechslungsreiche Silhouette der gegenüberliegenden „Stadt" (Siemensstadt  mit den Industriebauten von Hertlein und Wohnbauten von Scharoun) wahrnehmen.

Das im Entwurf geplante „Häusermeer" ist von Parks und parkartigen Gegenden eingesäumt. Der Abhang im nördlichen Teil des Geländes ist die natürliche „Schwelle" zwischen Stadt und Landschaft. (Wanderweg und Sport im Winter und Sommer).

Das ganze „große Gebäude" (bestehend aus Wohn- und Straßengebäude etc.  ist als ein Gefäß gedacht, in welchem sich alle altbekannten städtischen Vorgänge wieder lebendig abspielen sollen. Allerdings wird vom Planverfasser nur mit „echten Aktivitäten" gerechnet, nicht aber mit solchen, die, rein quantitativ gesehen, sich gar nicht ereignen können. Das Wohngebiet wird vom Verfasser nicht als „isoliertes" Viertel betrachtet, sondern als eine „Fortsetzung" bestehender städtischer Strukturen (Charlottenburg) und ferner als „Randbehandlung" einer Stadtgegend am natürlichen Endpunkt, nämlich am Spreetal. -

Ferner wurde versucht, dem Automobil seine ihm gemäße Rolle zu geben anstatt  n u r  von der einen Voraussetzung, der  i d e a l s t e n   Bedingung für das Automobil, auszugehen. -

 

Die Bewohner dieser Gegend sollen endlich wieder in der Lage sein, überall zu gehen, zu spielen, zu fahren und zu parken und sie sollen wieder wissen, wohin sie gehören. -

 

 

Werte:

GFZ: 2,00

 

Bauland: 50,0 ha

Straßenland: 11.7 ha = 23,4 %

Grünflächen:       2,9 ha =   5,8 %

Standorte:            5,4 ha = 10,8 %

Nettowohnbld.:     30,0 ha = 60,0 %

Bruttogfz:          594.000 m_

Wohneinheiten:     7.300

Einwohner:          22.000

Dichte: (Bezogen auf Nettowohnbld.)  740 EW/ha

Parkplätze:          7.373, davon 62,5 % offen in Häfen,

                           37,5 % in Garagen (unter der Straße oder

                                        Gebäuden) s. Schema. M l:1000