Zeichen, Signale und Landschaft (27.2.1967)

Vortrag: „Zeichen, Signale und Landschaft"

 

In der HBK -Berlin am 27. Februar 1967, 20.00 Uhr

 

Ich stehe an der Autobahn vor einem Rasthof, an der Autobahn, die parallel zum Rhein den Süden Europas mit dem Norden Europas verbindet. Vor mir der gleichmässige Strom von Motorfahrzeugen in beiden Richtungen rauschender Fliessbänder. Ich schlürfe meinen Kaffee und denke daran, daß ich auf einer uralten Strasse stehe: früher war es der Handelsweg zwischen Italien und England. Wie Sie wissen, bildete diese Nord-Süd-Strasse im Rheintal und die Ost-West-Straße als Verbindung zwischen Paris und Moskau das Rückgrat für Verkehr und Handel, solange Europa existiert. Und es ist dann sehr merkwürdig, wenn man nun hier steht, auf dieser Strasse steht und somit auf einer Trasse, auf einem Boden und im gleichen Moment mit allen wichtigen Brennpunkten Europas verbunden ist. Die vor mir rauschenden Automobilströme haben etwas Schweigendes an sich. Die Verständigung von Fahrzeug zu Fahrzeug ist eine wortlose. Blinksignale, Richtungsblinker sind die einzigen Mittel der Verständigung, jeder Fahrer reagiert mechanisch, eingespannt in das Spiel der perfekten, totalen Mechanisierung. Alles in allem ein faszinierender Eindruck, aber nicht ohne Schaudern wahrzunehmen.

 

Und ich stehe im 16. Geschoss des Comodore-Hotels in Manhattan und habe einen weiten Ausblick auf den Hudson-River und einen Schwindel erregenden Einblick in die Schluchten unter mir. Ich sehe Rauchschwaden und Wolkenfetzen, an denen die Lichtquellen des brodelnden Hexenkessels unter mir reflektiert werden. Ich höre die dumpfen Signale der Schiffe im Hafen und die schrillen Sirenen der New Yorker Polizeiwagen, und ich denke an John Dos Passos, der in seinem Buch „Manhattan transfer" dieses Riesentier Manhattan so umfassend beschrieben hat, und ich denke an alle die Leute, die ich heute hier getroffen habe und die so Gegensätzliches äusserten: man kann hier nicht leben und arbeiten oder man kann nur hier leben und arbeiten.

Ich stehe in meiner Wohnung in der Uhlandstraßen und trete auf den Balkon, der mir einen Ausblick auf die Lietzenburger Strasse gewährt. Ich sehe wieder den nie abbrechenden gleichmässigen Strom von Motorfahrzeugen, und ich denke daran, daß es langsam gleichgültig ist, wo, in welchem Ort in der Welt ich stehe und einen Ausblick auf eine solche Autostrasse habe, der Eindruck ist immer der

gleiche. Oder ich steige in Tegel in ein Flugzeug und benutze die Luftstrasse, die über den Atlantik führt, ich erlebe die gleiche Prozedur mit Pass, Gepäck und aufgeregtem Hin und Her und steige wieder in ein Taxi, oder ich fahre von einem Hafen zum anderen mit einem schwimmenden Haus, mit einem Schiff. Stets ist man unmittelbar auf einer der grossen Weltrouten oder Strassen zu Lande, zu Wasser oder in der Luft, eingespannt in dieses riesige Kommunikationsnetz, welches dicht diesen Erdball umspannt. Es ist eigentlich ein Riesenbauwerk und wenn ich das Telefon benutze und per Kabel mit einem anderen Land verbunden bin, oder Fernseher oder Radio benutze oder die faszinierenden Texte aus einem Fernschreiber hervorquellen sehe, so ist es eigentlich das gleiche.

 

Dieser Rhythmus der gegenwärtigen Welt ist faszinierend, hastig und ratlos und der Kontrast zwischen Familie, Wohnung und Geborgenheit zu diesem Phänomen, wie ich es vorher beschrieben habe, war wohl nie so deutlich. Und vielleicht kann man daraus folgern, daß unsere Aufgabe, eine bescheidene Volkswohnung als eine schützende Hülle um den ganz privaten Bereich des Grundelementes der menschlichen Gesellschaft, nämlich der Familie, eine sehr verantwortungsvolle ist; denn die Menschen, die in diesen Wohnungen leben müssen, die ununterbrochen in diesen Prozess der Rastlosigkeit eingespannt sind, haben im runde nur einen einzigen ruhigen Pol: die Wohnung.

 

Nun ist dieser so faszinierende Eindruck von rauschenden Motorfahrzeugströmen auf den regionalen Autostrassen ein völlig verwandelter, wenn sich dieser gleichmässig fliessende Strom plötzlich in unsere verdichteten altstädtischen Strukturen ergiesst, sich auf Strassen abspielt, die ursprünglich für Fußgänger, Pferd und Wagen bestimmt waren. Das ehemals intakte Gefüge wird systematisch zerstört, es wird zu einem Ort, in dem der Aufenthalt zu einer unerträglichen physischen und psychischen Belastung wird. Aber unsere Jahrhunderte alten Städte sind eine Tatsache aus Stein, Beton und Asphalt, die man nicht von heute auf morgen beseitigen kann und da beginnt unser Problem. Unser Problem: dass der naturgemässe Umschichtungsprozess nicht allein von Verkehrsingenieuren bewältigt werden kann und auch nicht durch kosmetische Eingriffe an dieser und jener Stelle; mit anderen Worten, wenn nicht versucht wird, sowohl mit Instinkt, wie auch zielbewusster, systematischer Arbeit den gesamten Organismus einer Stadt und deren Verflechtung mit regionalen Vorgängen wird uns dieses Riesenproblem stets entgleiten und wir werden erneut und immer wieder lediglich zu kleinsten Reparaturmaßnahmen verurteilt werden.