Zeichen, Signale + Landschaft II (1967)

Stefan Wewerka

Zeichen, Signale + Landschaft 

Vortrag in der HBK Berlin, 27.2.67

 

Wir leben in einer Zeit die angefüllt ist mit einer unglaublichen Betriebsamkeit auf allen Gebieten der menschlichen Schaffensbereiche, eine wahrhaft vewirrende Fülle von Informationen wirkt ununterbrochen auf uns ein, wir sollen, so scheint es, nie zur Ruhe kommen. Das hat seine Gründe, wir kennen sie alle. Politische oder wirtschaftliche Systeme haben ihre Methoden entwickelt, die Massen sind fest in ihrem Griff. So ist das im Großen wie im Kleinen. Irgend jemand hat eine starke Idee oder eine geistreiche Erfindung zur Hand, er will sie anwenden, stößt aber auf Widerstand. Meist viel später sickert so eine Sache als „Neuigkeit" durch und macht Schule. Und dann muß sich eine solche Idee oder Erfindung in ihrer ganzen Kraft durchsetzen oder eben an ihrer Schwäche scheitern. Hat sie Kraft, so ist es wiederum eine Frage wer sie in die Hand nimmt und fortführt. Ein guter Mann wird eine Idee nicht kritiklos so ohne weiteres übernehmen wollen, die Masse der schlechten Leute jedoch tut das immer, und das endet eben im Klischee. So ist das doch. Und damit sind wir bei den Aestheten, den Dekorateuren angelangt. Bei den Leuten also, die den äußeren Erfolg für sich verbuchen können. Ihr Auftreten ist sicher und bewusst, das verblüfft stets aufs Neue und so reiht sich Erfolg an Erfolg. Und so kommt es dann schließlich zur Stagnation. Eine solche Zeit ist dann todsicher da, wenn alles glatt geht, wenn alle zufrieden scheinen. Und eine Zeit der Stagnation ist auch nicht ohne Revolutiönchen, das gehört schließlich zum Salon. Kurz, es tut sich was. Eine Fülle von Architekturzeitschriften publiziert seit beinahe 20 Jahren Häuser mit flachen Dächern, sei es in Australien, Amerika oder in Schleswig-Holstein oder neue Wohnstädte im Grünen, auch von überall. Nun, ich habe ja gar nichts gegen ein flaches Dach und gegen das Grün, wenn es richtig ist, wenn wes sinnvoll ist, wenn es mehr als nur eine Mode ist. Aber Klischee verlangt das gleiche eben überall, denn der Erfolg stellt sich doch nur ein, wenn es fix geht, ohne großes Zaudern und Herumfackeln. Sie sollten sich mal den Spaß erlauben und mal diese und jene Architekturfakultät der Universitäten und Hochschulen besuchen. Ich muß das von Zeit zu Zeit und wenn man gespannt die Nase in die Ateliers steckt, zieht man sich immer gleich erschrocken wieder zurück, weil der Geruch abstößt und weil immer gleich einem alle die vorher erwähnten Architekturpublikationen gleichzeitig in Erinnerung kommen. Alles was man sieht, gleicht sich aufs Haar. Momentan ist man überall damit beschäftigt, zu verdichten. Eine Welle folgt der anderen.

 

Nun, ich will Ihnen heute Abend weder etwas vorjammern noch habe ich die Absicht hier unhöfliche Kritik zu üben oder gar zu negieren. Nein, es ist lediglich mein Wunsch, ein einigermaßen gesundes Klima zu schaffen und etwaige falsche Erwartungen zu vermeiden. Denn ich stehe ja hier vor ihnen nicht als einer, der ihnen akademische Weisheiten in Form von allgemein gehaltenen Andeutungen vorhalten will, sondern ich bin doch wohl hier, um gemeinsam mit ihnen zu arbeiten. Jedenfalls fühle ich mich nicht in der Lage, ihnen Rezepte oder Resultate vorzulegen. Das besorgen andere Leute. Ich wäre eher froh, könnte ich wenigstens gewisse Zweifel in ihnen wecken und ihr Misstrauen anstacheln. Und sehen sie, man muß sich immer sehr zusammennehmen um nicht ganz instinktlos im Herdentrab mitzurennen. Sie wissen aus eigener Erfahrung, wie schwierig es immer ist, den Anfang zu finden, wenn man vor einer neuen Aufgabe steht, auch dann, wenn es sich scheinbar um eine Wiederholung handelt, die doch die Kontrolle des vorhergedachten verlangt. Nun will ich versuchen, sie in Überlegungen und Beobachtungen einzuführen, die ich ihnen in Form von einigen Bildern aufzeigen möchte.

 

Sinn dieser in Gruppen angeordneten Bildfolgen ist:

Ehe wir anfangen uns mit einer Aufgabe auseinanderzusetzen beginnen, müssen wir doch uns mit unserer ganzen Person, mit unserem Fühl-, Tast- und Denkapparat auf die Gesamtheit der mit einer Aufgabe verbundenen Probleme einstellen, ähnlich, wie z.B. ein Schauspieler das tun muß. Erst dann, wenn man eine gewisse Festigkeit gewonnen hat, wenn man also ganz auf die nun folgenden spezifischen Gesichtspunkte im Sinne der Aufgabe, also empfindlicher reagieren kann, ist es möglich, mit der Arbeit zu beginnen. Wir müssen also in uns selbst erst einmal die Voraussetzungen entstehen lassen, um den Kern eines Problems schärfer erkennen zu können. Nur so kommen wir in den Zustand, uns zunächst frei von Bindungen an die Detailfragen übergeordnete Gesichtspunkte zu entdecken, die alle die verwirrende Fülle von programmatischen, wirtschaftlichen und technischen Forderungen beeinflussen bzw. zusammenhalten muß. Was ich meine ist eine Art Vorphase, eine Vorphase vor dem eigentlichen Beginnen. Und dazu gehört ein ununterbrochenes Training außerhalb der täglich zu bewältigenden Fleißarbeit. Sagen wir, eine Art gehobenes Hobby. Und das besteht eben darin, sich kritisch, auch selbstkritisch, auseinanderzusetzen und ferner im Beobachten der Umwelt, im Aufspüren einer Wirklichkeit, die wir ja erkennen, durchdringen und verwandeln wollen. Lassen wir diese Übung außer Acht, so werden wir Architekten zu Technikern oder Erfüllungsgehilfen, zu einem unterforderten Zahnrad in einer Maschine. Dann sind unsere Handlungen unkontrolliert. Dann dominiert entweder nur das „Gefühl" oder nur das vom „Ratio" eingeengte Denken. Architekten werden dann zu Maklern, Statiker zu Bewehrungsbuchhaltern. Ich sage alles das, weil ich hier doch in einem Haus spreche, wo es doch um diese so wesentliche Voraussetzung geht, einer Institution also, wo Lehre und Forschung gemeinsam betrieben werden sollen, wo theoretische und praktische Bemühungen in einem lebendigen Zusammenhang stehen sollten. Wenn wir also wissen, das Klischee und Stagnation die Folge von Trägheit und Gleichgültigkeit sind, dann müssen wir uns eben von Zeit zu Zeit gegenseitig wachrütteln und versuchen, das eigentliche Ziel wieder klarer zu sehen. Und das kann man nicht nur mit beamtisch erstarrter Denkweise oder rein kommerzieller Orientierung betreiben. Lehre verlangt die präzise, distanzierte Information, Forschung verlangt als erstes die Courage, in Unabhängigkeit die Wahrheit zu erkennen. Das Leben, die Praxis draußen bringt schon die großen Einschränkungen zur Genüge, deswegen sollte eine solche Institution eine Stätte der Befreiung und auch gleichzeitig der stärkenden Vorbereitung eben in Hinsicht auf die uns bekannten und zu erwartenden Widerstände sein. Doch das verlangt eben ein paar gute Köpfe, und es gibt sie auch immer. Also sollte man sich um sie bemühen und ihnen die ihnen gemäße Rolle zuordnen, sei es im Bereich der Bauverwaltungen, der Politik oder aber im Bereich der Erziehung. Das setzt natürlich einen Teamgeist voraus, nicht aber kleinmütige, rivalisierende, unsachliche Einstellungen. Und das Handwerk der Teamarbeit muß in einer Schule angesichts einer Welt im heutigen Zuschnitt erlernt werden. Das bedeutet harte Auseinandersetzung zwischen Lehrern und Studenten. Mit geistreichen Zitaten und Bonmots, mit reiner Reflexion allerdings ist einer solchen Entwicklung nicht gedient.

 

Als eine meiner Unternehmung in diesem Zusammenhang sehe ich die notwendige Bemühung, die Elemente und Prinzipien heraus zu schälen, die seit Jahrhunderten ihre Gültigkeit gehabt haben. Die Vergangenheit bietet uns solche in reicher Zahl, manche sind unbrauchbar geworden, dann muß man den Mut haben sie über Bord zu schmeißen, andere wiederum besitzen so viele überwiegend positive Substanz, das wir sie im Sinne unserer Zeit wieder aufnehmen und fortsetzen können.

Greifen wir nun ein anschauliches Beispiel heraus: „Die Straße". Die Straße als Verbindungslinie zwischen Orten menschlicher Ansiedelungen ist so alt wie der Mensch selbst. Vielleicht war es am Anfang ein Pfand, dann ein Weg und schließlich muß dann die über Land führende Straße gekommen sein. Heute haben wir nun eine sehr differenzierte Skala von Straßen-Kategorien. Außerdem Weiterungen dieses Begriffes. Unser Erdball wird von einem dichten Netz von Kommunikationslinien umspannt. Und es gibt innerhalb dieses gewaltigen Netzes ganz neue Straßenkategorien: Luftstraßen,. Schienenstraßen und die unzähligen Meeresstraßen. Immer musste der Mensch beim Bau solcher Straßen von der Natur gesetzte Widerstände überwinden, sich ihnen anpassen oder unterordnen, oder aber, er benutzte einfach natürliche Gegebenheiten, wie zum Beispiel einen Flusslauf. Da nun alle diese Verkehrslinien ja immer von irgendwo herkommen und irgendwo hinführen, haben wir das Netz der punktförmigen menschlichen Lebens- und Tätigkeitsbereiche. Erst waren die Punkte da, dann wurden die Verbindungslinien geschaffen. Und das Netz der Kommunikationslinien ließe sich noch weiter vervollständigen, wenn man schließlich noch das Telefon, das Radio, Television und den Fernschreiber mit einbeziehen wollte. Autostraßen, oder ehemalige Überlandstraßen bilden innerhalb menschlicher Siedlungsräume fein verästelte Netzwerke. In den größeren Städten gibt es außerdem noch zahlreiche, allein dem Fußgänger vorbehaltene Wegenetze, z.Bspl. in einem Warenhaus, wo solche Netze in Gescho0ssen übereinander gestapelt sind. Sie sind wiederum durch Treppenläufe und Aufzüge untereinander verbunden.

 

Alle diese von mir geschilderten Verkehrsführungen gehören zum Sammelbegriff: Straße. Eine Stadt wie z. Bspl. Berlin ist ja eine Welt im kleinen, und wir finden alle angeführten Erscheinungen wieder vor. Wollte man alle diese Verkehrsführungen einzeln aufzeichnen, also vom kleinsten Fußweg, bis zur Stadtautobahn, U+S-Bahn, Schiffahrtswege und Flugschneisen, so würde man zu einer beachtlichen und auch aufschlussreichen Anzahl stattlicher Pläne gelangen. Erst so wird einem klar, um welchen empfindlichen, unglaublich komplizierten Organismus und Mechanismus es sich hierbei handelt. Und man kann dann auch verstehen, wie schwerwiegend unüberlegte Eingriffe für ein solches System sein können. Außerdem wird bei eingehender Betrachtung deutlich, wie oft die einzelnen Verkehrskategorien sinnlos und zufällig nebeneinander stehen, nicht aber ein miteinander verzahnter Kräftestrom sind. Und ich glaube eben, das hier unser eigentliches Aufgabengebiet deutlich zu werden beginnt. Um sich in diesem Problembereich zu vertiefen, greift man dann schließlich ein Detail heraus, mit dem Ziel, hiermit spezielle Gesichtspunkte und Einzelfragen zu untersuchen, die aber eben immer innerhalb einer Gesamtheit von tatsächlichen Gegebenheiten verankert sind und Resultate prinzipieller Art eben immer wieder auf die Gesamtheit anwendbar bleiben. Der Wettbewerb für die Freie Universität in Dahlem war eine Gelegenheit, die ich in diesem Zusammenhang nutzte. Hinsichtlich aller der geschilderten Überlegungen, der Straße also, waren mehrere Anknüpfungspunkte gegeben: Eine U-Bahnlinie, als mechanisches Transportband zwischen City und Vororten, ein ziemlich verworrenes Netz von Autostraßen der verschiedensten Größenordnung, ferner ein sehr klares Grünzugsystem, mit Fuß- und Wanderwegen, die durch Wohnviertel hindurch bis zum Grunewald führen. Idee war es nun, alle die zur Erweiterung der Freien Univ. gehörenden Einrichtungen in einfachster Form an den gegebenen Blutkreislauf anzuschließen. Anknüpfungspunkte boten sich in den Stationen der U-Bahnlinie: Podbielskiallee, Dahlem-Dorf und Thielallee. Da ich darauf aus bin, Mittel zu finden, um den verheerenden Einbruch des motorisierten Verkehrs in unsere altstädtische Struktur herabzumindern und als wirklich wirksame Waffe die in Berlin so ideal gegebenen Massentransportsysteme betrachte, war es für mich eine logische Konsequenz, zu dieser Organisation zu kommen. So entstand denn diese bandartige Folge der verschiedensten Institute der Universität. Im Schnitt ist die Anordnung folgende: Im Untergeschoß sind Bedienungsstsraßen und die Wagenabstellplätze, im darüber liegenden EG ist eine öffentliche Fußgängerstraße gedacht, von wo aus man alle darauf befindlichen oder darüberliegenden Einrichtungen erreichen kann. Ein solches Prinzip ließe sich natürlich auch auf wohn- und Arbeitsquartiere anwenden, und ich hätte gerne das so eng begrenzte Programm in dieser Hinsicht erweitert. Durch den öffentlichen Fußweg jedoch ist zumindenstens andeutungsweise die angestrebte Verflechtung von städtischen Prozessen dargestellt. Bereits vorhandene Institutsbauten wurden weitgehend in dieses Wegenetz mit einbezogen: das System verbindet also ALTES mit ALTEM, ALTES mit NEUEM, NEUES mit NEUEM.

 

Ich hoffe ihre Heiterkeit zu erregen, wenn ich nun schnell zwischendurch an das schöne Ergebnis der TU-Erweiterung erinnere! Dort ist ein chaotisches Durcheinander, ohne jegliche organisatorische oder räumliche Ordnung spürbar, man könnte meinen, die Gesamtplanung hätte in den Händen von Baupolizisten gelegen. Hoffentlich bleibt dies ein bedauerlicher Zwischenfall!

 

Und hier ein anderes Beispiel: Das Wohnviertel Ruhwald. Ein Versuch, mit den bescheidenen Mitteln und Möglichkeiten, die staatl. finanzierter Wohnungsbau heute bietet und einem Programm, welches dazu beschaffen ist erneut die Monotonie des reinen Wohnens zu bewirken. Ich zeige dieses Projekt nur noch einmal (im Seminar Rossow hat bereits eine eingehende Erläuterung aller damit zusammenhängenden Fragen stattgefunden) um den Zusammenhang zum vorher erläuterten Leitthema wieder deutlich zu machen. Die Straße, im wahrsten Sinne des Wortes, ist hier das wesentliche Hauptelement. Der Straßenraum übernimmt hier im Gegensatz zur Hobrechtstraße zusätzlich noch alle die Funktionen und Vorgänge, die sich sonst in den Hinterhöfen abgespielt haben, wie Werkstätten etc. Das gleichmäßig bemessene und verteilte Netz hat zum Zweck alle am täglichen Prozeß und Geschehen mitwirkenden Kräfte in ein Gleichgewicht zu bringen. Ferner sollten aufgrund dieser Organisation die geringfügigen städtischen Aktivposten enger miteinander verflochten werden. Und hier noch eine ähnliche Arbeit, die zwei Jahre vor Ruhwald …

(Kein Originaltext mehr vorhanden. Typoskript bricht nach Seite 4 ab.)

 

© by Stefan Wewerka 1966