Das Prinzip der beweglichen Küche (1981)

Stefan Wewerka

Das Prinzip der beweglichen Küche

 

 

Frage: Gehört es Ihrer Meinung nach zu den Aufgaben eines Designers, sich mit der Gestaltung von Lebensmitteln zu befassen?

 

Wewerka: Es gibt verpackte Lebensmittel und Lebensmittel, die wir nicht selber herstellen, z. B. eine Birne oder ein Apfel. Sie haben ihre eigene »Verpackung«, und wir entpacken, indem wir z. B. den Apfel schälen. Eine Wurst ist dagegen etwas sehr Ironisches: Wir hacken eine Kuh klein, nehmen dann auch noch die Därme heraus und packen anschließend die Kuh wieder in den eigenen Darm. Und dann geht dieser Darm mit Inhalt in unseren Körper durch unsere Därme und kommt als Wurst wieder raus. Ich würde der Wurst eine ganz andere Form geben, z. B. die eines Hammers, um die Wurst sozusagen in ihrer optischen Erscheinung zu entwursten. Bei Backwaren ist dagegen die Übereinstimmung von Dekor, Funktion und Herstellungsvorgang besonders deutlich zu sehen.

Es gibt eine Menge Lebensmittel, die ich nur wegen ihrer äußeren Erscheinung kaufe, nicht zuletzt auch wegen ihrer Verpackung, und erst hinterher feststelle, daß das Produkt selbst eigentlich gar nicht so gut ist. Was die, sagen wir mal, appetitanregende Verpackung angeht, so ist das für mich ein Aspekt, den man nicht nur auf Nahrungsmittel, sondern auch auf Kleidung, auf Möbel, auf Häuser, also auf alles, was zur Umweltgestaltung gehört, übertragen kann. Die Mehrzahl aller Produkte, die auf der Welt hergestellt werden, werden allerdings leider von Leuten gemacht, die mit Gestaltung und Ästhetik überhaupt nichts zu tun haben.

 

Welche Vorschläge haben Sie in bezug auf die Gestaltung von Kochgeräten? Was erwarten Sie von solchen Geräten, was müssen sie erfüllen?

 

Da ich seit meiner Kindheit häufig selber koche, gibt es für mich in diesem Bereich eine Vielzahl von sehr einfachen Geräten wie Kellen, bestimmte Topfformen, die sich über Jahrhunderte kaum verändert haben. Für neue Formen sehe ich keine Notwendigkeit, eher schon für eine Perfektionierung. Mich beschäftigt zur Zeit das Problem des Warmhaltens von Speisen. Oft werden sie zu kalt gegessen, obwohl ja gerade eine bestimmte Temperatur, die erhalten bleiben soll, das Entscheidende ist, nicht nur für den Geschmack, sondern auch für die Gesundheit, die Kalorienzufuhr usw.

Wenn man soviel und so gerne kocht wie ich, dann weiß man, daß 70% der scheinbar raffiniertesten Kochgeräte, die heute auf den Markt kommen, völlig überflüssig sind und mit dem Kochvorgang selbst gar nichts zu tun haben. Für mich sind die sehr teuren, aber hervorragenden Nirostatöpfe das Interessanteste, was ich seit zwanzig Jahren in diesem Zusammenhang überhaupt gesehen habe. Und das scheint mir auch eine zeitlose, endgültige Lösung zu sein, weil diese Töpfe wesentliche Eigenschaften in sich vereinbaren: Sie sind sehr gut zu handhaben, sie heizen sehr schnell auf, sie halten die Speisen warm, und man kann das Essen sogar im Topf auf den Tisch stellen. Die Töpfe sind vollkommen zeitlos und haben für mich etwas von einem Mies-van-der-Rohe-Stuhl aus dem Jahre 1920. Wenn ich Geräte zu gestalten hätte, würde ich diese Idee des zeitlosen Designs einbringen, sofern sich das mit der Funktionalität wirklich deckt.

 

Welche Gestaltungsvorstellungen haben Sie in bezug auf Geschirr, Bestecke, Tische und überhaupt die ganze Umgebung, in der Essen stattfindet?

 

Zur Zeit beschäftige ich mich mit der Entwicklung eines kompletten Tafelservices. Ich denke dabei an asymmetrische Teller mit einer bestimmten Grifffläche, weil es mich stört, daß man z. B. einen gefüllten Teller immer mit beiden Händen tragen muß. Ich empfinde einen Griff am Teller außerordentlich praktisch. Nur gibt es bei der Herstellung sofort technische Probleme, die man berücksichtigen muß, wenn man das Porzellan nicht vergewaltigen will. Denkbar wären auch andere Materialien, wie z. B. Gußglas mit Einschleifungen. Die zwei Grundformen wären ein flacher Teller und ein vertiefter Teller, den man für Salat oder für Suppen nehmen kann. Ich habe sogar überlegt, ob man Teller entwickeln kann, die eine Wärmeplatte haben.

 

Wie ist Ihr ganz persönliches Verhältnis zum Essen, wodurch wurde es geprägt?

 

Ich habe früher immer lieber Hausarbeiten als Schularbeiten gemacht, war also ein sehr schlechter Schüler, aber ein wunderbarer Hausmann. Da es ja Kriegszeit war, habe ich gelernt, mit fast überhaupt nichts eine Kartoffelsuppe zu kochen. Ich habe einen Kochtopf mit einer Speckscharte ausgefettet, dann habe ich feingehackte Zwiebeln in diesem Minimum von Fett gebraten und anschließend das wenige Gemüse, das ich hatte, zusammen mit Wasser gekocht. Diese Suppe ist für mich auch heute noch einfach hervorragend. Insofern habe ich also keine große Einstellung zur Superkochkunst. Die Nahrungsmittel müssen ihren ursprünglichen Geschmack behalten, nur wenig Salz und ein bißchen Pfeffer sind nötig. Man macht aus einem Blumenkohl keinen Wirsingkohl.

 

Tisch-Versionen

Objekt 1:

Rollbarer Eßtisch-Vierplatten-Elektroherd-Grill-Kühlfach-Besteckkasten-Geschirrkasten-Servietten-Tischtücher-Gewürzfach. Dieses Objekt wird schon bald bei der Möbelfirma TECTA in Entwicklung gehen und den Namen »Mimi« erhalten. Die Tischplatte (0,60 x 2 m) kann durch einfache Klappelemente auf 1,20 m verbreitert werden. Die Tischplatte kann insgesamt in der Längenachse in drei verschiedene Stellungen geschoben werden. Weiterhin kann die Tischplatte quergestellt werden.

Objekt 2:

Es trägt den Namen »Stick-Table«. Da ich gerade einen »Stick-Chair« entwickelt habe, ist es zwangsläufig, zu einem kleinen Tisch gleicher Art zu kommen. Diese beiden Typen sind die ersten von mir entwickelten Faltmöbel. Der Vorteil: Man kann größere Gesellschaften auf schnelle Art bequem unterbringen (im Gegensatz zu Stehparties) und nach Beendigung die Möbel zusammenklappen und in ein Schubfach legen. Der Faltstuhl soll auch in Mehrzweckhallen Verwendung finden, er kann zusammengefaltet unterhalb eines normalen Standortes in einen Metallkasten, der bündig in den Fußboden eingearbeitet ist (Größe: 40 cm breit, 70 cm lang und 5 cm hoch), gelegt werden. Damit entfallen Aufbewahrungsräume für die Stapelstühle.

Objekt 3:

Kofferfalttisch. Ein flacher Metallkasten aus Edelstahl wird aufgeklappt. Man nimmt vier Rundstäbe heraus und steckt sie in den Boden. Tischhöhe: 40 cm im Freien. Im Inneren des Kofferfalttisches befinden sich Teller, Tassen und Besteck - ebenfalls aus Metall.

 

Essen und Ritual, Ergebnisse der Entwurfswoche im IDZ Berlin, Januar 1981. Herausgeber François Burkhardt, IDZ Berlin.