Pariser Platz – Unter den Linden – Schloss und Lustgarten

„Das Herzstück Berlins: Pariser Platz – Unter den Linden – Schloss und Lustgarten."

 

 

Bei dem geringen baulichen und historischen zentralen Einrichtungen bildet diese Kette das entscheidene Rückgrat der Stadtmitte. Der bis auf das Brandenburger Tor vollständig zerbombte Pariser Platz ist nun komplett wiedererstellt. Die Abmessungen des Platzes 60x60 Meter (Baufluchten) ist eingehalten worden. Ebenso die Fluchten des Boulevards Unter den Linden. Der Boulevard endet an der Spreebrücke und wird dann durch die abgewinkelte Bauflucht des ehemaligen Schlossbaus - Lustgarten-und Schinkelbau (Nationalgalerie)- Dom abgeschlossen.

 

Das Quadrat Pariser Platz, das Oktogon Leipziger Platz und der Kreis Belle Alliance Platz (Mehringplatz) bilden als zusammenhängende Reihe einen westlichen Abschluß zum Tiergarten. Die Wiedererrichtung der rechts und links flankierenden Bauten zum Brandenburger Tor (Architekt Kleihues) sind ein hilfloser und sehr ungeschickter Versuch, die künstlerische Qualität der ehemaligen Stüler-Bauten wieder zu erreichen. Eine Platzgestalt wie den Pariser Platz wieder herzustellen, ist unbedingt notwendig, bedeutet aber nicht krampfhafte Wiederholung ehemaliger klassizistischer  Beispiele. Die Auflage von seiten der Senatsbauverwaltung, die Traufhöhen sowie die gesamte Platzbegrenzung wieder herzustellen, sind eingehalten worden.

 

Ich habe direkt nach der Öffnung der Mauer einen Plan entwickelt, die Grundstücksbegrenzung Nord und Süd mit einer acht bis zehn Meter hohen freistehenden Wandskulptur zu gestalten. Im Abstand von dieser Skulptur von ca. 15 Metern sollten dann die einzelnen Bauten (US-Botschaft, DG-Bank, Akademie der Künste, französische Botschaft, Dresdner Bank, DG-Bank) stehen. Dieser Vorschlag  hätte den Bauherren erlaubt, eine völlig freie und unabhängige Gestaltung ihrer Bauten vorzunehmen. (Zu DDR-Zeiten gab es eine flache Begrenzungsmauer in Sitzhöhe und einem dahinter angeordneten Allee-Bereich aus einer doppelten Baumreihe bestehend.)

 

Die Traufhöhenbegrenzung der dann entstehenden Neubauten hätte ohne weiteres wesentlich höher ausfallen können. Außerdem sollte das stilistische und uneinheitliche Chaos so vermieden werden. Das Hotel Adlon und das gegenüber liegende Geschäftshaus bilden als Baumassen eine richtige Begrenzung, künstlerisch ist es  eine totale Katastrophe.

Der Straßenraum des Boulevards Unter den Linden ist eingehalten worden.

Die restlichen verbliebenen Fassaden ehemaliger DDR-Bauten sowie die neue Eckbebauung (Cafe Einstein) würde man besser beseitigen.

Das Drama  Schloss-Neubau kann man verhältnismäßig einfach lösen, indem man die ehemaligen Begrenzungen (Baufluchten) des alten Schlosses als viergeschossige Wand erstellt und innen statt Wiederholung einer nicht wiederholbaren Schlosshistorie genügend Raum gewinnen würde, um für den weiteren Platzbedarf der Museumsinsel  Raum zu schaffen. In der Umgebung Berlins sind sehr viele wichtige Natursteinblöcke und Skulpturen des alten Schlosses eingelagert und nummeriert, so dass man bei Wiederverwendung eine reizvolle lebendige Wandgestaltung erhalten würde.

Abschließend muss man bedauerlicherweise feststellen, das es inzwischen zur Tradition des „fortschrittlichen Denkens" in der Berliner Bauwelt gehört, dass so genannte Fachleute totsicher die falschen Baukünstler zu gestalterischen Aufgaben berufen. In der Nacht als die Mauer geöffnet wurde, habe ich zwei Leute angerufen, Paul Josef Kleihues in Berlin und Oswald Matthias Ungers in Köln. Beide Anschlüsse waren für Stunden besetzt. Später hat sich im Laufe vieler Geschäftigkeiten herausgestellt, dass der Senatsbaudirektor Stimmann zusammen mit Kleihues-Sawade-Kolhoff zu den massgeblichen Gestaltern der Berliner Innenstadt zählten. Die Ergebnisse dieses gemeinsamen Wirkens kann man nun als Realität wahrnehmen. Gott sei Dank sind der Gendarmenmarkt, der deutsche und französische Dom sowie Schinkels Schauspielhaus unbehelligt geblieben. Die restlichen Bebauungen entsprechen genau dem stilistischen Gewurschtel wie vorher beschrieben.

 

Was sind die Gründe für diesen totalen kulturellen Verfall, der in der ganzen globalisierten Welt deutlich wird? Alle an Staatsbauten beteiligten Personenkreise lassen jede notwendige und verpflichtende Kenntnis baugeschichtlicher und moderner Architekturbestrebungen total vermissen. Beim Bundespräsidenten und sonstigen höheren politischen Figuren ist ein erschreckender Mangel an Kenntnis und damit verbunden, an Bewusstsein, vorhanden. Die bürgerliche Welt ist schon lange ohne wirklichen geistigen Inhalt und glaubt, wenn man am Sonntagmorgen in ein Konzert geht, wäre die kulturelle Leistung damit erfüllt.

 

Hans Scharoun schilderte mir einmal während unserer nächtlichen Zusammenarbeiten folgenden Vorgang: Er bekam einen Anruf von Otto Grotewohl. Scharoun war damals, 1946, als Stadtbaurat für Berlin tätig und Grotewohl bat ihn für eine am nächsten Mittag stattfindende Sitzung mit Ulbricht und seinem Komitee möglichst einen Gegenvorschlag zur Sprengung des Schlosses vorzubereiten. Scharoun und hat mit seinen Mitarbeitern eine Tribünenarchitektur entworfen, die sich von der Spree zum Lustgarten hin öffnete und reichlich Platz für große Aufmärsche bot und dadurch die restlichen wertvollen Schlossmauern erhalten konnte. Ulbricht hat dieses Modell und die Pläne sofort, von Wutanfällen begleitet, zerstört und Scharouns sofortige Entlassung gefordert. Was dann auch geschah. Und so reiht sich bis heute ein barbarischer Akt an den anderen, betrieben von absolut unbefähigten Leuten. Jede sachliche Kritik verhallt ungehört.

 

Stefan Wewerka, ca. 1995